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Azores/ Terceira/ Praia da Vitoria 28 °C 24 °C W 15-30

Unverhoffte Wanderung

Heute schreiben Jan und ich einen Eintrag.
Der Wind lässt nicht nach, und dazu kommt er nun auch noch aus der falschen Richtung – deshalb entschließen wir beide uns heute, die touristischen Highlights der Insel zu erkunden.
Gegen Mittag brechen wir auf zur „Gruta do Algar do Carvao“, einem erloschenen und begehbaren Vulkanschlot im Inselinneren. Ohne uns viel Gedanken zu machen laufen wir los, schließlich haben Angelika und Johannes uns versichert, dass trampen kein Problem ist.
So machen wir uns mit wenig Gepäck, ohne Getränke und in unseren Sandalen, auf den direkten Weg zum Krater - der alten Straße von Praia nach Angra folgend. Nachdem wir zirka eine Stunde auf dem schönen alten Kopfsteinpflaster die wunderbare Landschaft genossen hatten, wurde uns klar, dass hier einfach niemand mehr fährt. Es gibt ja schließlich die neue Schnellstrasse, ausgebaut wie eine Autobahn. Und die wenigen Autos, die vorbeikommen, halten auch nicht. Nur ein paar Einheimische auf Hasenjagd kreuzten unseren meist malerischen Weg, der vorbei an Hortensien und Eukalyptusbäumen führt. Also nichts mit trampen – laufen ist Trumpf.
Irgendwann erreichen wir die neue Schnellstraße, die unseren Weg kreuzt, und müssen ihr ca. 2 km folgen – zum Glück gibt es eine Schotterpiste, die parallel zu dieser verläuft. Das dumme ist nur, dass wir auf die andere Seite müssen – Wildzaun mit Stacheldraht und vierspurige „Autobahn“ mir Betonabteilung und reichlich Verkehr inklusive. Aber das ist alles kein Hindernis für uns, und so laufen wir weiter unserem Ziel entgegen.
Nach über drei Stunden sind wir dann reichlich schlapp, hatten die Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit schon verloren, aber schon dreiviertel der Strecke geschafft.
Also weiter, Jan sagt noch in seinem jugendlichen Leichtsinn „jetzt müssen wir den Rest auch noch gehen“ – da hält doch tatsächlich jemand für uns an!

Unser Held entpuppt sich als Emigrant, also einem nach New York ausgewanderten Azorianer, der den Sommer auf seiner Heimatinsel verbringt. Er zögert erst einen kleinen Moment, bringt uns dann aber direkt zum Krater. Als großer Fan der hier typischen Straßenstierkämpfe ist er hier oben unterwegs, um zu sehen, ob und wo seine Lieblingsstiere heute zu sehen sein werden. Welch ein Glück, denn nur wenige Meter weiter fängt es an zu regnen – und wie! Auf den wenigen Metern zum Eingangshaus des Kraters werden wir schon ziemlich nass und müssen uns erstmal setzen. Zum Glück gibt es auch Getränke zu kaufen…
In den Krater gelangt man durch einen Betontunnel – von der Decke tropft schon das Wasser, es ist feucht und kalt. Und dann ist man doch erstmal sprachlos – ca. 30 Meter über einem öffnet sich der Krater gen Himmel, vor einem die gewaltigen Höhlen, die die Lava hinterlassen hat – wow. Dabei ist das doch nur der Kleinere, die zweite Wahl nach dem Krater auf Graciosa… Macht gar nichts, das hier ist einfach schön. Im oberen Teil des Kraters wachsen jede Menge Pflanzen, Farne, Moos, ganz oben auch Bäume, alles ist tropfnass. Hier, am Ausgang des Tunnels, sieht man förmlich noch die fließende Lava. Eine nette junge Führerin erklärt uns auf Englisch Details zu den zwei Ausbrüchen des Vulkans und zum See am unteren Ende, danach erkunden wir alle Ecken der zwei mächtigen Gewölbe, die die Ausbrüche hinterlassen haben.
Faszinierend!
Als wir wieder im Eingangshaus angelangt sind, deckt Jan uns erstmal mit weiteren Getränken und Keksen ein – wer weiß, wann und wie wir wieder nach Praia kommen. Plötzlich fragt jemand: „Do you need a driver?“ – und unser Fahrer steht vor uns! Welch eine angenehme Überraschung. Er hat gesehen, dass sein Lieblingsstier in Fonte do Bastardo sein wird und hat nun zwei Stunden Zeit totzuschlagen, wie er selbst formuliert. Wir wagen kaum zu sagen, dass wir eigentlich noch die „Furnas do Enxofre“ anschauen wollen, die „Schwefeldampfquellen“ hier oben in den Bergen, ein paar wenige Kilometer entfernt – da fragt er, was wir noch sehen möchten und schon sitzen wir wieder in seinem Auto auf dem Weg dorthin.
Müde, aber doch neugierig laufen wir den total vermatschten Weg um die Quellen entlang und bewundern dieses Naturschauspiel sowie die wirklich mal wieder interessante Vegetation. Die mühevolle Wanderung hat sich also doch gelohnt!
Selbstverständlich bringt unser Held des Tages uns dann nach Praia zurück – nicht ohne noch einen kleinen Abstecher zum „Serra do Cume“ zu machen, einem 545 hohen Berg bei Praia mit herrlichem Ausblick auf die Landschaft und die Bucht von Praia. Während der Fahrt schildert er uns die geologischen Besonderheiten der Insel und beantwortet unsere neugierigen Fragen zum Stierkampf. Das die Stiere mindestens 3 Jahre alt sein müssen, bis zu 15 Jahre kämpfen, und zwischen den Kämpfen 10 Tage Ruhe haben, sind solche Dinge.

Am Ortseingang von Praia trennen sich unsere Wege und wir laufen für heute die letzten Meter hinunter zur Marina, wo wir erschöpft, aber glücklich auf den Polstern der Bacchus niedersinken. Kurze Zeit später kommen Angelika und Johannes vom Strand wieder, und wir können mit unserem neu erworbenen Wissen glänzen – auch sie wussten noch nicht, dass die Bucht von Praia nicht vulkanischen Ursprungs ist.
Unsere Geschichte lässt die beiden nur Grinsen – schließlich war das alles ja typisch Azorianisch!